Schönes, neues Gremmendorf

Anfang September veröffentlichte das Amt für Stadtentwicklung die „Kleinräumige Bevölkerungsprognose 2013 – 2020“. In der Einleitung heißt es, das Zahlenwerk solle als „Frühwarnsystem“ für den demographischen Wandel auf Stadtteilebene dienen. Für Gremmendorf kommt es eher einer Katastrophenwarnung gleich.

Münster wächst. Das freut die Politik, denn eine wachsende Bevölkerung bedeutet höhere Zuweisungen und steigende Steuereinnahmen. Nach der jetzt vorgelegten Prognose soll die „Wohnberechtigte Bevölkerung“ in Münster bis Ende 2020 um 12.577 Köpfe zunehmen. Das entspricht einem Anstieg von 4,2 Prozent in sieben Jahren und klingt nicht besonders dramatisch. Wer allerdings die Zahlen für Gremmendorf-West liest, vermutet zunächst einen Tippfehler: Hier soll die Bevölkerung um 56,1 Prozent zunehmen, kein anderer Stadtteil kommt dem auch nur nahe!

Hintergrund der angekündigten Bevölkerungsexplosion ist vor allem die Umnutzung der ehemaligen Britenstandorte, die bis Ende 2020 allerdings nur zu Teilen eingepreist ist. Wir versuchen uns selber an einer Hochrechnung:

Rund 1.600 Wohneinheiten sollen auf dem Gelände der York-Kaserne entstehen, die wir mit drei Bewohnern pro Wohneinheit veranschlagen – weniger als in einem typischen Neubaugebiet. Weiter sind hier gut 400 leerstehende Britenhäuser auf dem Markt. Da die Häuser für heutige Ansprüche recht klein sind, legen wir nur 2,5 Bewohner pro Haus zugrunde. Zusammen mit der „Nachverdichtung“, die heute schon an vielen Stellen Gremmendorfs zu sehen ist, sind 6.000 neue Einwohner für die kommenden Jahre eher knapp geschätzt. Das entspräche einem Bevölkerungszuwachs von mehr als 50 Prozent für ganz Gremmendorf!

Es geht um die Gremmendorfer

Die angekündigte Völkerwanderung entspringt keineswegs einem lokalen Bedarf oder einem stadtplanerischen Konzept, sondern einzig der Tatsache, dass hier Fläche zur Verfügung steht, die Münster an anderer Stelle dringend sucht. Wie sich eine solche Bevölkerungsexplosion für die Menschen in Gremmendorf auswirken wird, ist eine Frage, die zu viele Politiker in Münster nicht hören wollen. In einem WDR-Beitrag über die Bürgerinitiative „Gremmendorfer Weg“ hatte der SPD-Ratsherr Mathias Kersting mit Blick auf das „Baulandprogramm 2020“ gesagt, es gehe nicht um Gremmendorf sondern um Münster. Einspruch, Herr Kersting, es geht um die Menschen in Gremmendorf!

Wenn der soziale und ökologische Fußabdruck dieser neuen Siedlungspolitik nicht einer Enteignung an Umwelt und Lebensqualität gleichkommen soll, braucht es ein radikales politisches Umdenken. Der kurzlebige Goldrausch, der jetzt noch der drohenden Immobilienblase in Gremmendorf voraus geht, darf nicht als Entschuldigung dienen, gewachsene Strukturen zu zerstören, die auch die neuen Einwohner dringend brauchen werden. Nachfolgende Generationen werden wegen unseres Raubbaus an Natur und Umwelt nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie wir. Deshalb darf ein gewachsenes Naherholungsgebiet, wie das am Gremmendorfer Weg, auch nicht kurzsichtig dem schnellen Profit eines Investors geopfert werden.

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